Mittwoch, 30. April 2014

Rezension Zivilrecht: Handbuch Bauversicherungsrecht


Krause-Allenstein (Hrsg.), Handbuch Bauversicherungsrecht, 1. Auflage, Werner 2013

Von RA Daniel Jansen, Köln


Der Herausgeber wollte gemäß seinem Vorwort eine „Lücke“ in der Fachliteratur schließen, indem er ein Werk entwickelt, das die Schnittstelle zwischen privatem Baurecht und Bauversicherungsrecht abdeckt. Dieses Vorhaben darf mit der vorgelegten ersten Auflage als gelungen betrachtet werden. Der vielleicht bei dem ein oder anderen Leser zunächst aufkommende Gedanke: „Dafür brauche ich doch kein eigenes Buch.“, wird bei der Lektüre schnell beiseite geschoben. Dies gelingt dem Werk hauptsächlich durch seine durchgehaltene Struktur, eine Fülle an Beispielen aus der Praxis, in den rechtlich relevanten Kontext zu stellen.

Das Werk ist in vier Großkapitel unterteilt. Eine ausgezeichnete Grundlage für das Verständnis der später folgenden Spezialkonstellationen wird in dem Einführungskapitel gelegt. Bereits hier wird ein wesentlicher Vorzug des Buches deutlich, indem nicht nur theoretische Grundlagen vermittelt werden, sondern vielmehr permanent die Frage aufgeworfen wird, welche Auswirkungen in der Praxis zu beachten sind. Ebenfalls wird der Leser durchgehend mit Besonderheiten konfrontiert. Dies hat den wichtigen Effekt, der Sensibilisierung für beachtliche Problemkomplexe, die im Arbeitsalltag ggf. schon einmal übersehen werden können. So wird die versicherungsrechtliche Besonderheit betont und für die Praxis erläutert, dass ein Versicherungsvertrag im Falle des Widerrufs gemäß § 9 VVG nicht von Anfang an, sondern nur ex nunc unwirksam wird, was eine relevante Auswirkung auf die Ersatzpflicht des Versicherers bzgl. bereits geleisteter Prämien hat. Auch prozessrechtliche Besonderheiten werden ansprechend ausgeführt.

Den Kern des Werkes stellt sodann die intensive Darstellung der Kapitel „Bauhaftpflichtversicherungen“ und „Bausachversicherungen“ dar. Hier werden insbesondere die Wechselwirkungen der verschiedenen in Betracht kommenden Versicherungen dargestellt und umfassend erörtert. So sind die Bauherrenhaftpflicht-Versicherung, die Betriebshaftpflichtversicherung des Bauunternehmers, die Berufshaftpflichtversicherung der Architekten sowie die Bauträgerhaftpflichtversicherung voneinander zu unterscheiden. Es werden hierbei z.B. die unterschiedlichen Definitionen eines Schadensfalls sowie die Ausschlusstatbestände beleuchtet. Jeder der benannten Versicherungen wird sodann ein eigenes Kapitel gewidmet. Auch hier führt der jeweilige Autor den Leser stets eng am in Betracht kommenden Gesetzestext und unter Darstellung plausibler Beispielsfälle gezielt durch die Materie.

Das Kapitel über die Bausachversicherung führt den Praktiker auf ein Terrain, das im Rahmen seiner beratenden Tätigkeit eine nicht zu verachtende Bedeutung haben kann. Die Autoren geben ihm hierfür wertvolle Hinweise an die Hand. Es wird beispielsweise die „Grauzone“ zwischen dauerhaften Einwirkungen des Betriebes (= nicht versicherter Verschleiß) und Fehlwartungen (versichert) dargestellt. Der Leser erfährt, dass auch „Ungeschicklichkeit“ versicherbar ist.

Abgerundet wird das Buch mit der Erörterung besonderer Deckungskonzepte für den Bau. Hierzu gehören u.a. die Baufertigstellungsversicherung, die den Insolvenzfall des Bauunternehmers abfedern soll sowie die Baugewährleistungsversicherung.

Das Werk überzeugt mit einer kompakten aber zu keiner Zeit oberflächlichen Darstellung.

Dienstag, 29. April 2014

Rezension Zivilrecht: Legal English Manual


Wiebalck / Zedtwitz / Norman / Walsh, The Legal English Manual, 1. Auflage, C.H. Beck 2013

Von RAG Dr. Benjamin Krenberger, Landstuhl


Der herkömmliche Jurist, sei es Anwalt, Richter, Staatsanwalt oder Verwaltungsjurist, wird im Alltag kaum einmal mit der Notwendigkeit konfrontiert, englische Rechtssprache anwenden oder verstehen zu müssen. Etwas andere gilt selbstverständlich für international operierende Kanzleien oder Spezialkammern, für die auf dem Markt zahlreiche Fachtitel in englischer Sprache zur Verfügung stehen. Die generelle Fremdspracharmut ist aber kein Ruhmesblatt für die deutsche Juristerei, was einem schlagartig bewusst wird, wenn man einmal an einem internationalen Austauschprogramm der EU teilnimmt und dort feststellen muss, dass z.B. die Juristen aus Polen, Bulgarien oder Rumänien wie selbstverständlich in englischer Sprache mit den entsprechenden Fachbegriffen parlieren können, weil die entsprechenden Kurse mehrjährig und verpflichtend zu belegen sind. Gleiches gilt für Juristen aus Italien oder Frankreich, die wechselseitig intensiven Austausch haben und auch auf diese Weise mehr als die eigene Landessprache beherrschen.

Wenn man für sich aber den Vorsatz gefasst hat, sich intensiver mit der englischen Rechtssprache zu befassen, steht man zuerst vor dem Problem, mit welchem Buch man dies beginnen soll. Es gibt bereits gute Wörterbücher zum Thema, aber auch insbesondere auf das Studium ausgerichtete Werke wie das von Linhart u.a. (Englische Rechtssprache: Ein Studien- und Arbeitsbuch, C.H. Beck). Das vorliegende Werk versteht sich aber nicht als Übungsbuch, sondern als Handbuch für Praktiker mit begrenztem Zeitkontingent, dass die Schlüsselbegriffe anhand von Beispielen effektiv vermittelt.

Nach einer kurzen Einführung, wie man das Buch benutzen soll, folgen auf 100 Seiten insgesamt 14 Kapitel zu bestimmten Rechtsgebieten. Dort erhält der Leser eine Übersicht über die key legal terms der einzelnen Disziplinen, sample definitions und im collocations corner werden typische Redewendungen oder Versatzstücke aufgeführt. Im Anschluss erläutert ein Kapitel die schriftliche Rechtssprache in fünf kleinen manuals, danach in identischer Form für die mündliche Kommunikation. Abrundend erläutern die Autoren, wie man aus die spröde Rechtssprache zwar verstehen, aber nicht zwingend kopieren muss, indem sie Tipps geben, um die eigene Sprache und Ausdrucksweise verständlich zu halten - immerhin geht es (meist) darum, sich dem Kunden oder dem Richter verständlich zu machen.

Einige Auszüge: Im Kapitel zum Schadensersatzrecht (tort law) werden die types of tort beschrieben, aber auch rechtfertigende oder entschuldigende Einwendungen. Im Kapitel zum Erbrecht (inheritance law) erhält man Erklärungen zu den betroffenen Personen (legal personnel) aber auch zu möglichen letztwilligen Verfügungen (terms of the will). Im Zivilprozessrecht (civil procedure) werden die Parteien vorgestellt (the parties), aber auch die einzelnen Vorgänge zwischen den Parteien (the documents). Hier ist insbesondere die Sammlung von Ausdrücken und Wendungen lehrreich, um halbwegs flüssig einen Prozessablauf zu schildern (issue a claim, give evidence etc.). Gleiches gilt für das Kapitel zum Strafrecht (criminal law).

Das Buch ist zwar überschaubar im Umfang und ganz offensichtlich nicht für den blutigen sprachlichen Anfänger konzipiert (denn es gibt keine Übersetzungen der Termini und Wendungen!). Aber für den in der englischen Fachterminologie nicht ganz unbedarften Rechtsanwender, der sich zudem fachgebietsspezifisch rasch absichern und stabilisieren möchte, ist dieses kleine Büchlein eine tolle Trainingsmöglichkeit. Dank der thematischen Sortierung ist das Werk auch für den raschen Zugriff auf Lösungen bei kleineren sprachlichen Lücken gut geeignet. Zwar könnte man angesichts der Verbreitung von Sprachlernprogrammen und Online-Angeboten samt Übersetzungsprogramm auf die Idee kommen, ein solches Buch für vernachlässigbar zu halten. Das würde aber das Gesamtkonzept des Werks unterschätzen. Denn gerade die Rundumsicht auf den sprachlichen Bedarf des Rechtsanwenders macht das Buch wertvoller als einfache Übersetzungshilfen.

Montag, 28. April 2014

Rezension Zivilrecht: FamFG


Keidel (Hrsg.), FamFG, 18. Auflage, C.H. Beck 2014

Von RA, FA für Verkehrsrecht Sebastian Gutt, Helmstedt


Seit der Vorauflage im Jahr 2011 sind nunmehr drei Jahre vergangen, bis der neue „Keidel“ erschien. Eine lange Zeit, in der sich selbstverständlich viel getan hat, so dass die Neuauflage zwingend erforderlich und allseits erwartet wurde. Zwischenzeitlich wurde das FamFG nämlich durch nicht weniger als 16 Gesetze geändert bzw. ergänzt, wobei 79 Normen erfasst waren. Der Kommentar ist dafür nunmehr mehr als aktuell, befindet er sich doch auf dem Rechtsstand 01.07.2014. Ein Rechtsstand, der noch in der Zukunft liegt? Ja, denn einige zum Ende der letzten Legislaturperiode verabschiedeten Gesetz treten erst im Juli diesen Jahres in kraft, sind aber gleichwohl schon von den jeweiligen Bearbeitern berücksichtigt worden. Das ist natürlich ein „dickes Plus“ und rundet einen – dies darf an dieser Stelle durchaus vorweggenommen werden – insgesamt sehr positiven Gesamteindruck des Werkes ab. Rechtsprechung und Literatur sind von den Bearbeitern bis Ende September 2013 berücksichtigt und eingearbeitet worden.

Die Bearbeiter des Kommentars sind alle durchweg erfahrene Praktiker. Wer sich mit der Materie schon befasst hat, weiß sie als Experten, die sich durchweg mit einschlägigen Veröffentlichungen einen Namen gemacht haben, zu schätzen. Die Bearbeiter lassen den Leser in diesem Kommentar an ihrem Wissen teilhaben. Der Kommentar ist jedoch nicht nur für die Praxis gedacht, auch für die Theorie bzw. Lehre ist er unverzichtbar.

Als Familienrechtler kommt man zwangsläufig nicht mit allen Bereichen des FamFG in Berührung, sondern überwiegend mit dem zweiten Buch (ab S. 1185). Die Kommentierungen zum Familienrecht haben mir gut gefallen und ich konnte auf meine Fragen oder zu meinen Problemen stets eine Antwort/Lösung finden, ob nun beispielsweise zum Verbund von Scheidungs- und Folgesachen (§ 137) oder aber zur Abänderung gerichtlicher Entscheidungen (§ 238). Die Kommentierungen sind durchweg übersichtlich, präzise, umfassend und profund, haben mich allerdings nicht „erschlagen“. Trotz des Umfangs, und dies ist die Kunst, sind die Ausführungen tatsächlich stets auf das Wesentliche beschränkt und „überfrachten“ den Leser nicht mit unnötigem Beiwerk. Sämtliche Kommentierungen sind inhaltlich und stilistisch aufeinander abgestimmt, was in Betracht der Vielzahl der Bearbeiter alles andere als selbstverständlich ist oder zu erwarten wäre. Auch dies ist lobend hervorzuheben.

Nicht nur inhaltlich macht der Kommentar einen guten Eindruck, sondern auch optisch, will heißen, er ist übersichtlich gestaltet, insbesondere ist die Schriftgröße angemessen, also nicht zu klein gewählt. Insgesamt lassen sich die Kommentierungen gut und flüssig lesen.

Für mich ist der „Keidel“ der Standardkommentar zum FamFG. Wenngleich eine Vielzahl anderer Kommentare nach der Reform zwischenzeitlich ernstzunehmende Konkurrenten darstellen, greife ich immer wieder auf den „Keidel“ zurück. Dies liegt nicht einfach an der Gewohnheit, sondern daran, dass er mich inhaltlich wie kein zweiter überzeugt. Dieser Kommentar ist und bleibt ein Muss für diejenigen, die sich mit der Freiwilligen Gerichtsbarkeit zu beschäftigen haben.

Sonntag, 27. April 2014

Rezension öffentliches Recht: Daten- und Persönlichkeitsschutz im Arbeitsverhältnis


Weth / Herberger / Wächter, Daten- und Persönlichkeitsschutz im Arbeitsverhältnis, 1. Auflage, C.H. Beck 2014

Von Rechtsanwalt Florian Decker, Saarbrücken


Das von Professoren, Anwälten, Unternehmensjuristen, einem Attorney-at-Law sowie einer Assessorin verfasste Werk erscheint in seiner ersten Auflage. Dem Pressetext nach war Anlass für die Aufnahme des Projektes die Hinwendung der Öffentlichkeit zum Thema Datenschutz am Arbeitsplatz im Hinblick auf die verschiedenen vermeintlichen und tatsächlichen Datenschutzskandale aus der nahen Vergangenheit. Ziel des Werkes ist es, in einem allgemeinen und besonderen Teil alle Aspekte des Schutzes der Arbeitnehmerdaten von traditionellen Datenbanken hin bis zu sozialen Netzwerken zu beleuchten und auch Vorschläge zur Lösung von Zweifelsfällen anzubieten. Auch Spezialfragen wie Betriebsrat und Datenschutz, internationaler Datentransfer, Datenschutz im Konzern, Outsourcing von Dienstleistung und die strafrechtliche Verfolgung von Datenschutzverletzungen wurden bedacht. In Ermangelung einer systematischen und zusammengefassten Regelung in Form eines Gesetzes, machte es sich das Werk zur Aufgabe die verschiedenen Aspekte und in Ansatz kommende gesetzlichen Normen zum Arbeitnehmerdatenschutz seinerseits zu systematisieren und zugänglich zu machen.

In einem ersten allgemeinen Teil werden die Grundlagen behandelt. Begonnen mit der Entwicklung des Arbeitnehmerdatenschutzes über eine Darstellung des Persönlichkeitsrechts wie auch des Datenschutzrechts allgemein wird unter anderem auch der Informationstechnologie ein Augenmerk gewidmet. Der zweite Teil widmet sich den Besonderheiten des Datenschutzes am Arbeitsplatz und damit dem eigentlichen Thema des Werkes. Es werden die einschlägigen Themen aufgeworfen begonnen mit der Datenerhebung und Verarbeitung bei Einstellung von Mitarbeitern bzw. der Vorbereitung der Einstellung (Bewerbungsverfahren usw.). Danach geht es munter weiter mit Themen wie der Führung von Personalakten, der Erhebung von gesundheitsbezogenen Daten, der Einbindung von biometrischen Verfahren, GPS-Ortung und Videoüberwachung in den Arbeitsalltag. Die vielbesprochene und häufig umstrittene Regelung der betrieblichen wie privaten Nutzung von Telefon, Internet und E-Mail wird aufgegriffen und besprochen. Man befasst sich mit der Telekommunikationsüberwachung, den personenbezogenen Daten im Internet usw. Im Teil C widmet man sich spezifischen Bereichen wie der Thematik Betriebsrat und Datenschutz, der Funktionsstellung und den Aufgaben des Datenschutzbeauftragten, dem Outsourcing u.a. Das Werk wird auf seinen etwa 600 Seiten sicherlich nicht jede in der Praxis auftretende Fragestellung abdecken können. Es werden aber umgekehrt nicht nur die klassischen sondern auch einige abseitige und besondere Probleme abgedeckt und besprochen. Dadurch kann manch eine praktische Frage anhand des Werks direkt beantwortet werden oder jedenfalls kann der Bearbeiter ein Gefühl für die Zielrichtung der gesetzlichen Normen entwickeln und auch Parallelfälle anhand der Darstellung im Werk zu einer korrekten oder jedenfalls vertretbaren Lösung zu führen.

Durch die Untergliederung der einzelnen Kapitel sowie mit Hilfe des umfänglichen Stichwortverzeichnisses sind die gesuchten Themen auch schnell aufgefunden. Möchte man zum Beispiel wissen, wie man nach abgeschlossenem Stellenausschreibungsverfahren mit den Daten der abgelehnten Bewerber umgeht, kann man entweder im Stichwortverzeichnis das Schlagwort „Bewerbung - Löschen von Bewerberdaten“ finden und so zu „B XI 10“ gelangen oder aber im besonderen Teil den Abschnitt „die Einstellung und deren Vorbereitung“ ab Seite 237 aufschlagen und über dortiges Inhaltsverzeichnis zu Teil 10 (Seite 472) des B-Teils geführt werden, in dem genau diese Fragen geklärt werden. Dort wird das Verhältnis von Löschungspflicht im Gegensatz zu Aufbewahrungspflicht besprochen, welches bei dieser Frage immer eine Relevanz hat. Dies erfolgt auch in hinreichender Tiefe. Es werden die Streitstände zu den einzelnen fraglichen Punkten dargelegt und eine Meinung kundgetan wie zum Beispiel zur Frage, wie lange im Hinblick auf mögliche Ansprüche nach dem AGG (allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) Bewerberdaten nach Ende des Bewerbungsverfahrens noch aufbewahrt werden dürfen, zumal der ursprüngliche Zweck der Erhebung (Durchführung des Ausschreibungsverfahrens) entfallen ist. Vielerorts wird hier empfohlen, die Daten für mindestens sechs Monate, also bis zum Abschluss der Frist in der Ansprüche nach dem AGG geltend gemacht werden können, noch nicht zu löschen. Willert vertritt vorliegend die Auffassung, dass dies nur gelten könne, wenn konkrete Anhaltspunkte dafür bestünden, dass der Bewerber Ansprüche geltend machen will. Allerdings empfiehlt er als zulässige Alternative, schlicht das Bewerbungsanschreiben und den Auswahlvermerk zur Dokumentation des Gangs seiner Entscheidung und der Gründe der Bewerberauswahl für längere Zeit aufzubewahren und nur den Rest der Daten zu löschen. Zur Begründung verweisen die Autoren jeweils zum Teil auf die einschlägigen Kommentarwerke wie auch auf Entscheidungen der deutschen Obergerichte sowie Ansichten in der Literatur. Die Literaturverweise dürften dabei wohl überwiegen, was indes der Materie geschuldet sein wird und dem Umstand, dass Streitfragen hier tendenziell selten vor Gericht geklärt werden können und meist ihre Ausarbeitung in der Literatur finden müssen.

Alles in allem in jedem Fall ein wertvolles Werk für jeden Bearbeiter der Materie, sei dies aus anwaltlicher, richterlicher oder auch aus der Sichtweise eines Datenschutzbeauftragten. Auch wenn 89,00 € für 600 Seiten nicht gerade wenig erscheint, wird das Geld hier sicherlich gut investiert sein.

Freitag, 25. April 2014

Rezension Zivilrecht: Bankrecht


Tonner / Krüger, Bankrecht, 1. Auflage, Nomos 2014

Von David Eckner, London


In erster Auflage erschien jüngst im Nomos Verlag das Lehrbuch „Bankrecht“ aus der Feder von zwei Praktikern: Dr. Martin Tonner, Richter am Landgericht Hamburg und Lehrbeauftragter an der Bucerius Law School in Hamburg, sowie Dr. Thomas Krüger, Richter am Amtsgericht Zeven und Mitglied des Landesjustizprüfungsamts im Niedersächsischen Justizministerium. Das Lehrbuch fügt sich in die stetig wachsende „Blaue Reihe“, komprimierte und problemorientierte Studienliteratur für Anfänger und Fortgeschrittene, die einen schnellen Überblick und Einstieg in die unterschiedlichen Rechtsbereiche suchen.

Das Bankrecht schaut als Rechtsdisziplin auf eine langjährige Geschichte und Tradition zurück. Es ist jedoch zugleich wie kaum ein anderes Rechtsgebiet durch eine legislative und regulatorische Dynamik gekennzeichnet, eine Disziplin, die gerade nach den letzten Turbulenzen auf den Finanzmärkten niemals schläft und sich gegenwärtig vollständig verändert. Umso schwieriger ist es, ein Lehrbuch zu konzipieren, dass dieser Dynamik und Rastlosigkeit standhält, sich nicht allzu sehr in (tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen) ‚Prinzipien‘ verheddert sowie die Komplexität aus Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaft auflöst. Übungen dieser Art, insbesondere den Studierenden durch ein Lehrbuch diesen sehr spannenden Komplex zu erschließen und näher zu bringen, sind Legion, wenige Werke nur aber dürfen den Begriff ‚Prädikat‘ für sich beanspruchen, da sie es verstehen, dem Rechtsgebiet ‚Bankrecht‘ Konturen zu verleihen. Letzteres ist keine einfache Übung, da der Bereich einerseits sehr heterogen ist und als ‚umbrella term‘ noch immer einer näheren, wissenschaftlicheren Strukturierung bedarf. Dies ist die Krux. So ist etwa das sogenannte Investment Banking sowie das Recht der kollektiven Vermögensanlage eine Praktikeralchemie, der die Wissenschaft leidvoll Schritt zu halten versucht. Die Rechtsbeziehungen im Anlagedreieck zwischen Kapitalverwaltungsgesellschaft, Verwahrstelle und Anleger als Wesensmerkmal des KAGB hat etwa einen vollständigen anderen materiellen Konnex und inhaltlichen Umfang als das Recht des Zahlungsverkehrs. Gleichwohl sind beide Bereiche durchaus Bestandteil von Prüfungen innerhalb der unterschiedlichen Schwerpunktbereiche, die bundesweit angeboten werden. Das sinnvolle Verknüpfen dieser Ausschnitte des – wie auch immer zu definierenden – ‚Bankrechts‘ gelingt umfangreichen Handbüchern und Kommentierungen. Lehrbücher in moderatem Umfang mühen sich hingegen regelmäßig an der Materie ab, prophezeien den Rundumblick und liefern hingegen nur eine unsystematische Sammlung von charakteristischen Bereichen des ‚Bankrechts‘, ohne dabei aber die so wichtigen Fäden zusammen zu führen. Es wird begrenzt und beschränkt, was die eigenen Ideen und Vorstellungen so hergeben, auf Prüfungs- und Examensrelevanz verwiesen. Die Selektion der Knochen aus diesem riesigen Skelett wirkt manchmal willkürlich, ja geradezu nicht immer nachvollziehbar.

Auf den ersten Blick klug scheint daher die Wahl der Autoren des dieser Rezension zugrundeliegenden Lehrbuchs: man beschränkt sich aus Gründen der „Ausbildungs- und Prüfungsrelevanz“ auf das „zivile Bankrecht“ und behandelt das „öffentliche Bankrecht mit dem gerade in den Zeiten der Finanzmarktkrise praktisch bedeutenden Bankaufsichtsrecht … nur am Rande“ (vgl. im Vorwort, S. 6). Sinnvoll wäre freilich die tatsächliche Konsequenz einer Beschränkung. Man kann und darf ein Lehrbuch zum ‚zivilen Bankrecht‘ schreiben, ohne die Inbezugnahme des nur ‚am Rande‘ behandelten ‚öffentlichen Bankrechts‘ – eine Wahl, die auf den zweiten Blick, unvollständiges Halbes zu versprechen scheint.

Eine schnelle Weisung in das Inhaltsverzeichnis mit seinen achtundzwanzig Paragraphen offenbart im einzelnen sieben Teile respektive Schwerpunkte. Eine Einführung (Teil 1) bringt neben einer sehr knapp geratenen Darstellung der  „Grundlagen“ (S. 27 ff.)  Einblicke in aktuelle Rechtsentwicklungen im Bankrecht (auf 2 Seiten!) sowie den Aufbau des deutschen Bankwesens (vgl. S. 42 ff., ohne jeglichen Bezug auf die wichtigsten europäischen und internationalen Verflechtungen, ohne die auch das ‚deutsche‘ Bankwesen dieser Tage nicht existieren kann). Im Pathos der „Blauen Reihe“ enden jede Paragraphen mit Wiederholungs- und Vertiefungsfragen, die teilweise merkwürdig anmuten (vgl. etwa zu den aktuellen Entwicklungen die Frage: „Welche gesetzgeberischen Maßnahmen wurden im Bereich des Anlegerschutzes getroffen?“ Zuvor folgt eine Randnummer, die kursorisch allerhand anschneidet (von AnsFuG bis KAGB), aber nichts mit hinreichender Prägnanz darstellt und v.a. ‚sprachlos‘ bleibt zu den wichtigsten europäischen Rechtsentwicklungen, die 1:1 in allen deutschen (Umsetzungs-)Gesetzen, die in eben dieser Randnummer genannt werden, abgebildet sind). So hangelt sich das Lehrbuch weiter von Ausschnitt zu Ausschnitt, zunächst in bekannter und bewährter Tradition großer respektive klassischer Lehrbücher.

Es folgen die Darstellung der Rechtsbeziehungen zwischen Bank und Kunde (Teil 2, vgl. S. 45 ff.), eine Analyse des Rechts des Bankkontos (Teil 3, vgl. S. 70 ff.) und des Zahlungsverkehrs (Teil 4, vgl. S. 102 ff.), Ausführungen zum Recht der Kreditgewährung (Teil 5, vgl. S. 167 ff.) und zur Kreditsicherung (Teil 6, vgl. S. 227 ff.). Beim Verlassen des traditionellen Bankrechts wird zum Schluss des Lehrbuchs noch ein Blick auf das Recht der Kapitalanlage (Teil 7, vgl. S. 274 ff.) geworfen, der ein buntes Sammelsurium dieses Ausschnittes offenbart, darunter die Anlageberatung, Vermögensverwaltung, Anlagevermittlung und Execution-only, Prospekthaftung und Kapitalanlegermusterverfahrensgesetz. Die Vertiefungsmöglichkeiten halten sich gerade in diesem Bereich sehr in Grenzen. So sucht man vergeblich nach den wichtigsten ‚Klassikern‘ im Fußnotenapparat zur Prospekthaftung, die ein Muss für jede weitere Beschäftigung darstellen. Will man dem Anspruch der Autoren folgen und das Lehrbuch als Ausgangspunkt für die weitere, intensive Befassung mit dem Bankrecht benutzen, so lässt nur eine zweite Auflage auf die Nachholung, Ausfüllung und Glättung der Lücken, Ecken und Kanten hoffen. Dies gilt auch für das magere Literaturverzeichnis und die eigentlich sinnvolle Idee einer Definitionsliste mit den wichtigsten bankrechtlichen Begriffen im Anhang des Lehrbuchs. 

Mitnichten aber ist dem Lehrbuch jede Einsatzmöglichkeit abzusprechen. Jenen Studierenden, Promovenden und jungen Praktikern, die das Bankrecht komprimiert, aber mit mehr System und Struktur absorbieren wollen, kann das Lehrbuch nicht empfohlen werden. Dafür fehlt eine systematische Überschau und Verknüpfung der Materien innerhalb des Bankrechts, der wichtige europäische Konnex, eine Darstellung der Interrelation zwischen zivilem und öffentlichem Bankrecht (ein Thema, dessen Wichtigkeit gegenwärtig nicht genug betont werden kann), vor allem ein sorgfältiger und umfangreichere Literaturapparat sowie eine stärkere Schwerpunktkonzentration, auch auf divergierende Rechtsansichten und Problemstellungen. Schraubt man diesen Anspruch jedoch herunter und begegnet den Facetten des Bankrechts für einen kurzen Augenblick im Rahmen des Studiencurriculums, möchte hier und da eine praktische Falleinkleidung lesen sowie bearbeiten und gibt sich insgesamt genügsamer mit der reinen Reproduktion komprimierten Wissens für eine Klausur oder Hausarbeit, so kann das Lehrbuch herangezogen werden. Es ist kurz, pointiert und als Vorlesungsbegleitung – abhängig von der Ausrichtung innerhalb des Schwerpunktbereichs – ohne Bedenken zu empfehlen.