Samstag, 26. November 2016

Rezension: Personenschäden im Straßenverkehr

Castro / Becke / Nugel, Personenschäden im Straßenverkehr, 1. Auflage, C.H. Beck 2016

Von RA, FA für Verkehrsrecht Sebastian Gutt, Helmstedt



Das vorliegende Handbuch erscheint neu im Hause Beck. Das Besondere an diesem Werk ist, dass hier der Themenkomplex Personenschaden im Straßenverkehr aus drei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird, nämlich aus technischer, medizinischer und juristischer Sicht. Das gibt es so noch nicht auf dem Markt.

Die allgemein sehr bekannten Herausgeber decken diese drei Blickwinkel ab. Castro ist Mediziner, Becke KFZ-Sachverständiger und Nugel Anwalt. Alle Herausgeber sind in der verkehrsrechtlichen Literatur sehr umtriebig und dürften daher nahezu jedem Leser ein Begriff sein. Das Autorenteam besteht ebenfalls aus Experten aus den drei genannten Gebieten.

Die Herausgeber greifen ein in der Literatur allgemein bekanntes Problem auf. Zwar gibt es eine Vielzahl guter Bücher zum Personenschaden. Allerdings gibt es kein Buch, das alle Beteiligten unter einen Hut bringt. Gerade bei Personenschäden ist es alles andere als ungewöhnlich, dass die Gerichte interdisziplinäre Gutachten in Auftrag geben, also ein Gutachten, das beispielsweise aus einem unfallrekonstruierenden und einem medizinischen Teil besteht. Von daher ist die Konzeption des Werkes natürlich zu begrüßen.

Das Werk unterteilt sich (neben einer umfangreichen Einleitung zur Unfallstatistik in Deutschland, Teil A) in drei große Kapitel, als da wären die Analyse und Rekonstruktion von Unfallereignissen mit Personenschäden, häufige Verletzungsbilder bei der medizinischen Begutachtung von Personenschäden im Straßenverkehr sowie juristische Grundlagen für die Verfolgung von Ansprüchen aus Personenschäden im Straßenverkehr. Hier wird dann aber auch deutlich, dass die drei Bereiche zwar in einem Buch behandelt werden, gleichwohl eigenständig nebeneinander stehen. Wünschenswert, wenngleich zweifelsfrei wahrscheinlich schwierig umzusetzen, wäre es gewesen, wenn z.B. die „HWS-Problematik“ in einem Kapitel technisch, medizinisch und juristisch beleuchtet worden wäre. So muss der Leser zwischen den einzelnen Kapiteln hin- und herblättern. Klar ist, dass das für jede Verletzungsart schlechterdings nicht umsetzbar ist. Gleichwohl hätte man eventuell ausgewählte Themen so aufbereiten können.

Im technischen Teil hat mir gut gefallen, dass hier zwischen einzelnen Unfallbeteiligten Unterschieden wird, nämlich den Pkw-Unfällen, den Lkw- und Bus-Unfällen, den Motorradunfällen, den Fahrradunfällen sowie dem Fußgängerunfall. Hier wird dann zum Teil jeweils weiter unterteilt in die Art der Kollision (z.B. Frontalkollision etc.). Das macht die ganze Sache sehr schön übersichtlich und führt dazu, dass die jeweilige Kollision, die für den Leser konkret von Interesse ist, relativ schnell auffindbar ist. Die Autoren gehen auf die jeweiligen Besonderheiten ein. Für den Juristen, der allenfalls ein rudimentäres technisches Wissen hat, runden zahlreiche Bilder und Beispiele die Angelegenheit ab und machen sie so besser verständlich. Auffällig und zugleich lobenswert ist auch, dass die Bilder farbig sind. Ebenfalls – dies zieht sich durch alle Kapitel – positiv hervorzuheben sind die einzelnen Praxistipps. Teils handelt es sich hier um besondere Hinweise in der Anwendung, teils konkrete Hinweise für den Rechtsanwender.

Auch der medizinische Teil ist gelungen. Hier gibt es gleichfalls zahlreiche Bilder, um dem Leser die Arbeit des medizinischen Sachverständigen aufzuzeigen und auf bestimmte Symptome einzelner Verletzungsbilder hinzuweisen. Da braucht der Leser auch manchmal starke Nerven, denn abgebildet sind nicht nur Animationen, sondern teilweise Fotos von menschlichen Organen nach Obduktionen. Insgesamt ist dieses Kapitel nicht nur spannend zu lesen, sondern auch sehr lehrreich. Den Bearbeitern gelingt es tatsächlich, auch dem medizinischen Laien die medizinischen Komponenten verständlich zu erläutern.

Im juristischen Teil sollte sich der Jurist natürlich zwangsläufig zu Hause fühlen. Tut er dies nicht, weil er noch nicht so viel Erfahrung im Bereich des Personenschadens hat, wird er es nach entsprechender Lektüre tun. Dem Titel des Werks entsprechend gehen die Autoren nur auf rechtliche Besonderheiten beim Personenschaden ein. Es geht dann also um die Darstellung der Auswirkungen von Vorschäden der verletzten Person und wie diese juristisch zu bewerten sind. Auch das nach wie vor praktisch relevante Thema „HWS“ kommt nicht zu kurz. Dabei greifen die Autoren die Ausführungen hierzu aus den vorangegangen Kapiteln auf und zeigen, wie die Ergebnisse zur biomechanischen Belastung und zur medizinischen Begutachtung rechtlich und damit insbesondere vom Gericht zu berücksichtigen und bewerten sind. Auch werden die Grundsätze zur Bemessung des Schmerzensgeldes dargestellt. Dabei bleibt es jedoch nicht. Der Personenschaden besteht nämlich nicht nur in der unmittelbaren Verletzung, sondern auch in den hieraus folgenden Problemen, z.B. Arbeitsunfähigkeit oder Unfähigkeit der Führung des Haushalts. Dementsprechend kommen auch der Erwerbsschaden sowie der Haushaltsführungsschaden nicht zu kurz. Gut gefallen haben mir die Ausführungen zum Abfindungsvergleich, der beim Personenschaden eine wichtige Rolle spielt. Gerade für den Anwalt ist dieser Bereich besonders haftungsträchtig, wenn hier Fehler passieren. Es wird nicht nur der Vergleich und die Problematik der Absicherung als solche problematisiert, sondern auch Auswirkungen z.B. auf das Sozialrecht und die hier zu beachtenden Forderungsübergänge. Auch werden Kapitalisierungen (kurz) besprochen.


Insgesamt handelt es sich um ein wirklich sehr erfreuliches Werk, das uns Beck hier präsentiert. Es lässt sich gut mit dem Buch arbeiten und bringt den Leser in seiner täglichen Praxis zweifelsfrei weiter. Schon jetzt steht für mich fest, dass das Werk sich auf dem Markt etablieren und schon bald ein wichtiger Bestandteil des Personenschadenmanagements sein wird.